Beispielgeschichten zum Reinlesen

So klingt ein Traumbuch. Jede Geschichte wird für ein Kind geschrieben, mit seinem Namen, seinem Wohnort, seiner Familie und seinen Lieblingsdingen. Am Ende stehen immer drei leise Gedankenfragen zum Einschlafen.

Die Kinder in diesen Beispielen gibt es nicht. Namen, Familien und Details sind ausgedacht, die Orte sind echt. Dein Traumbuch erzählt von deinem Kind.

Eine Fortsetzungsgeschichte

Eine Geschichte pro Erzählart

Fortsetzungsgeschichte5 Minuten VorlesezeitRuhiges Ende

Kapitel 1: Ein Brief im Laternenglas

Erstellt für Mila, 5 Jahre, aus Göttingen, mit Opa Heinz, Freund Ben und Stofffuchs Funkel

Es war ein stiller Abend im November. In Göttingen roch die Luft nach nassem Laub und nach Bratäpfeln aus Opas Küche. Mila stand am Fenster, ihren Stofffuchs Funkel im Arm, und schaute in den Garten hinaus. Morgen war Laternenumzug, und ihre Laterne stand schon fertig auf der Fensterbank: ein runder, orangefarbener Mond mit aufgeklebten Sternen.

„Opa“, sagte Mila, „darf ich meine Laterne heute schon einmal anmachen? Nur ganz kurz?“ Opa Heinz lächelte, holte den kleinen Leuchtstab aus der Schublade und steckte ihn vorsichtig hinein. Sofort leuchtete die Laterne warm und golden, und auf der Tapete tanzten kleine Sternenschatten.

Mila hielt die Laterne hoch und drehte sich einmal im Kreis. Da hörte sie ein leises Rascheln. Es kam nicht von draußen. Es kam aus der Laterne selbst. „Opa, hörst du das?“, flüsterte sie. Opa beugte sich vor. Ganz unten, zwischen Pappe und Transparentpapier, steckte etwas Weißes. Ein winziger, zusammengefalteter Zettel, nicht größer als eine Briefmarke.

Mila zog ihn behutsam heraus und faltete ihn auf. Darauf standen Buchstaben, so klein und krakelig, als hätte jemand mit einer Bleistiftspitze geschrieben, die nur halb so groß war wie Milas Fingernagel. Opa setzte seine Lesebrille auf und las vor: „Liebes Laternenkind. Wir sind die Lichtwichtel vom Igelhügel. Unser großes Lichterfest ist bald, aber unsere Laternen sind müde geworden. Kannst du uns helfen? Folge morgen den goldenen Blättern.“

Mila machte große Augen. „Lichtwichtel? Gibt es die wirklich?“ Opa kratzte sich am Bart. „Weißt du, Mila, in meinem langen Leben habe ich gelernt: Es gibt mehr kleine Wunder, als man denkt. Man muss nur genau hinschauen.“

Mila drückte Funkel an sich. Der Stofffuchs schaute mit seinen Knopfaugen so neugierig, als wollte er sagen: „Da machen wir mit.“ Mila wollte am liebsten sofort ihren Freund Ben anrufen. Ben wohnte nur zwei Häuser weiter und war der beste Blätter-Finder der ganzen Straße. Aber es war schon spät.

„Ben erzählst du es morgen früh“, sagte Opa. „Lichtwichtel schlafen nachts bestimmt auch. Und wer anderen helfen will, braucht ausgeschlafene Füße.“ Mila nickte. Das klang vernünftig.

Sie legte den winzigen Brief in ihre kleine Holzschachtel, in der sie besondere Dinge aufbewahrte: einen glatten Stein vom Bach, eine Muschel vom Urlaub und eine Feder, die einmal einem Eichelhäher gehört hatte. Jetzt lag dort auch eine Nachricht von den Lichtwichteln.

Opa machte die Laterne wieder aus. Im Zimmer wurde es dämmrig und gemütlich. Draußen fiel ein leiser Nieselregen, und die Tropfen klopften sanft an die Scheibe, tipp, tipp, tipp, wie ein langsames Lied.

Mila kuschelte sich in ihr Bett. Die Decke war warm, das Kissen weich, und Funkel lag direkt neben ihrem Gesicht. „Opa“, murmelte sie, „ob die Wichtel auch Kuscheltiere haben?“ „Bestimmt“, sagte Opa leise. „Vielleicht eine winzige Maus aus Wolle. Oder einen Fuchs, so klein wie eine Haselnuss.“

Mila lächelte. Sie dachte an goldene Blätter, an kleine Laternen und an ein Fest auf einem Hügel. Ihre Augen wurden schwer. Opa strich ihr über die Haare und knipste das Nachtlicht an. Und während der Regen draußen leiser wurde, war Mila schon eingeschlafen, mit einem kleinen Lächeln und einer großen Vorfreude auf morgen.

Zum Einschlafen fragen wir leise:
  1. Wenn du einen Brief an die Lichtwichtel schreiben könntest, was würde darin stehen?
  2. Was ist in deiner Schatzkiste oder deiner Schublade für besondere Dinge?
  3. Worauf freust du dich morgen?
Fortsetzungsgeschichte5 Minuten VorlesezeitRuhiges Ende

Kapitel 2: Die Spur der goldenen Blätter

Erstellt für Mila, 5 Jahre, aus Göttingen, mit Opa Heinz, Freund Ben und Stofffuchs Funkel

Was bisher geschah: Am Abend vor dem Laternenumzug fand Mila in ihrer Laterne einen winzigen Brief. Die Lichtwichtel vom Igelhügel baten sie um Hilfe, weil ihre Laternen müde geworden waren. Mila sollte den goldenen Blättern folgen.

Am nächsten Morgen klingelte Mila schon nach dem Frühstück bei Ben. Sie hielt ihm die Holzschachtel hin und öffnete sie ganz langsam. „Guck mal“, flüsterte sie. Ben betrachtete den winzigen Brief, dann las Opa ihn noch einmal vor. Ben pfiff leise durch die Zähne. „Goldene Blätter“, sagte er. „Da bin ich Experte.“

Zu dritt zogen sie ihre Gummistiefel an, Mila, Ben und Opa Heinz. Funkel durfte in Milas Jackentasche mitkommen, nur sein Kopf schaute oben heraus. Die Luft war frisch, und der Himmel über Göttingen war hellgrau wie ein weicher Pullover.

Im Garten lagen viele Blätter: braune, rote, gelbe und ein paar schon ganz zerknitterte. Aber dann entdeckte Ben eines, das anders war. Es lag genau auf der untersten Stufe der Gartentreppe und glänzte, als hätte jemand es mit Sonnenlicht angemalt. „Ein goldenes!“, rief er.

Ein paar Schritte weiter, am Gartentor, lag das nächste. Und hinter dem Tor, am Rand des Weges, noch eines. Die goldenen Blätter bildeten eine Spur, wie kleine Wegweiser. Sie führte die Straße entlang, am Bäcker vorbei und hinüber zu dem kleinen Park mit der großen Kastanie.

Opa ging gemütlich hinterher und hielt Milas Hand, wenn sie über die Straße gingen. „Ihr seid gute Spurenleser“, lobte er. Ben zählte die Blätter laut mit. „Siebzehn, achtzehn, neunzehn ...“ Bei zwanzig blieb er stehen. Die Spur endete an einem kleinen, runden Hügel unter der Kastanie, bedeckt mit Moos und Laub.

„Der Igelhügel“, sagte Mila ehrfürchtig. Und wirklich: Zwischen den Wurzeln lag ein Igel und schlief, eingerollt wie eine stachelige Kugel. Er atmete ganz langsam, ein und aus. „Psst“, machte Opa. „Der hält schon seinen Winterschlaf. Den wecken wir nicht.“

Mila hockte sich hin und schaute genau. Neben dem schlafenden Igel, in einer Mulde zwischen zwei Wurzeln, standen winzige Dinge: Eicheln, die wie kleine Laternen aussahen, mit einem Fenster aus getrocknetem Ahornblatt. Fünf Stück, ordentlich in einer Reihe. Aber keine von ihnen leuchtete.

„Das sind die müden Laternen“, flüsterte Ben. Mila nickte. Sie spürte ein warmes Kribbeln im Bauch, nicht ängstlich, sondern so, wie man sich fühlt, wenn man ein Geheimnis entdeckt. Ganz vorsichtig, damit der Igel nicht aufwachte, legte sie ein goldenes Blatt neben die Eichellaternen, als kleines Zeichen: Wir waren hier, und wir helfen euch.

„Und wie machen wir sie wieder hell?“, fragte Ben. Opa schmunzelte. „Ich glaube, das verraten uns die Wichtel bestimmt noch. Vielleicht heute Abend beim Laternenumzug.“

Am Nachmittag ruhten sich alle aus. Mila trank warmen Kakao, und Funkel saß neben der Tasse. Draußen wurde es schon früh dunkel, wie immer im November. Mila gähnte, obwohl der Umzug erst noch kommen sollte. „Nur ein bisschen ausruhen“, murmelte sie und legte den Kopf auf das Sofakissen.

Opa deckte sie mit der karierten Decke zu. Im Zimmer war es still, nur die Uhr tickte leise. Mila dachte an die fünf kleinen Eichellaternen und an den schlafenden Igel, der so friedlich atmete. Ein und aus. Ein und aus. Und dann atmete auch Mila ganz langsam, ganz ruhig, und schlief ein kleines Weilchen.

Zum Einschlafen fragen wir leise:
  1. Wie würdest du eine müde Laterne wieder zum Leuchten bringen?
  2. Was hast du heute draußen entdeckt?
  3. Wie fühlt es sich an, wenn du jemandem hilfst?
Fortsetzungsgeschichte5 Minuten VorlesezeitRuhiges Ende

Kapitel 3: Laternenlicht für den Igelhügel

Erstellt für Mila, 5 Jahre, aus Göttingen, mit Opa Heinz, Freund Ben und Stofffuchs Funkel

Was bisher geschah: Mila, Ben und Opa folgten den goldenen Blättern bis zum Igelhügel im Park. Dort fanden sie neben einem schlafenden Igel fünf winzige Eichellaternen, die nicht mehr leuchteten. Mila legte ein goldenes Blatt als Zeichen daneben.

Als es dunkel wurde, war es endlich so weit: Laternenumzug! Überall in der Straße gingen Lichter an. Kinder kamen mit Mamas, Papas, Omas und Opas aus den Häusern, und jede Laterne sah anders aus. Eine war ein Fisch, eine ein Drache, eine eine Eule mit großen Augen. Und Milas Laterne war ein runder, orangefarbener Mond.

Ben hatte eine grüne Raupenlaterne, die wackelte, wenn er lief. Opa trug eine ganz alte Laterne aus Blech, die er schon als kleiner Junge gehabt hatte. „Die hat schon viele Umzüge gesehen“, sagte er stolz.

Die Musik spielte, und alle sangen: „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne.“ Mila sang mit, so laut sie konnte, und Funkel schaute aus ihrer Jackentasche und wippte im Takt. Der Zug führte die Straße entlang und bog dann, genau wie die goldene Spur am Morgen, in den kleinen Park mit der Kastanie.

Als sie am Igelhügel vorbeikamen, blieb Mila stehen. Sie hob ihre Laterne hoch, damit das Licht auf die Wurzeln fiel. Und da sah sie es: Neben dem goldenen Blatt lag ein neuer, winziger Brief. Ben hielt seine Raupenlaterne daneben, damit es noch heller wurde, und Opa las vor.

„Liebes Laternenkind, lieber Raupenfreund. Danke, dass ihr gekommen seid! Unsere Laternen werden wieder hell, wenn echte Kinderlaternen ihnen ein bisschen Licht schenken. Haltet eure Laternen an den Hügel und singt euer schönstes Lied.“

Mila und Ben schauten sich an. Dann hockten sie sich hin, hielten ihre Laternen ganz nah an die Wurzeln und sangen leise, damit der Igel nicht aufwachte: „Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir.“ Opa summte mit seiner tiefen Stimme dazu.

Und dann geschah etwas Wunderbares. In der ersten kleinen Eichellaterne flackerte ein Licht auf, so winzig wie ein Glühwürmchen. Dann in der zweiten. Dann in der dritten, vierten und fünften. Fünf winzige goldene Punkte leuchteten zwischen den Wurzeln, und der Igelhügel sah aus wie ein kleines Dorf am Abend.

„Es hat geklappt“, hauchte Mila. Ben strahlte über das ganze Gesicht. Der Igel schlief weiter, aber Mila hätte schwören können, dass er im Schlaf ein bisschen lächelte.

Auf dem Heimweg war Mila ganz still und glücklich. Zu Hause zog sie den Schlafanzug mit den Monden an und putzte die Zähne. Opa stellte ihre Laterne auf die Fensterbank. „Für die Wichtel“, sagte er. „Damit sie wissen, dass du an sie denkst.“

Mila kroch unter die Decke, Funkel im Arm. Draußen war alles ruhig. Irgendwo im Park, unter der großen Kastanie, leuchteten jetzt fünf kleine Laternen. Vielleicht, dachte Mila, bereiten die Lichtwichtel schon ihr großes Fest vor. Und vielleicht, ganz vielleicht, schreiben sie bald wieder einen Brief.

Sie gähnte, einmal, zweimal. Opa gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Gute Nacht, Laternenkind.“ „Gute Nacht, Opa“, flüsterte Mila. Und dann schlief sie ein, warm und sicher, mit fünf kleinen Lichtern im Herzen.

Zum Einschlafen fragen wir leise:
  1. Welches Lied würdest du für die Lichtwichtel singen?
  2. Wie sähe deine Traumlaterne aus?
  3. Was war heute dein schönster Moment?
Alle Beispiele Kapitel 2 Im Traumbuch geht es mit Kapitel 4 weiter, bis Kapitel 30.
Ruhig10 Minuten VorlesezeitRuhiges Ende

Solomija und die Sterne über dem Auwald

Erstellt für Solomija, 4 Jahre, aus Leipzig, mit Mama, Babusja und Kuschelkatze Mursja

Es war ein milder Abend im Spätsommer, und über Leipzig färbte sich der Himmel langsam rosa und dann lila. Solomija saß auf dem kleinen Balkon, ganz eingekuschelt in die weiche Decke von Babusja. Babusja ist Solomijas Oma, und so sagt man „Oma“ auf Ukrainisch. Neben Solomija saß Mursja, ihre Kuschelkatze aus grauem Plüsch, mit einem rosa Halsband und einem Ohr, das ein bisschen schief stand, weil Solomija es so oft gestreichelt hatte.

Vom Balkon aus konnte man bis zu den Bäumen des Auwalds sehen. Die großen Baumkronen bewegten sich ganz sacht im Wind, als würden sie einander gute Nacht sagen. „Babusja“, fragte Solomija, „wann kommen die Sterne?“ Babusja setzte sich neben sie und legte einen Arm um sie. „Bald, Sonechko“, sagte sie. „Die Sterne kommen immer dann, wenn es ganz ruhig geworden ist.“ Sonechko heißt „kleine Sonne“, und so nannte Babusja Solomija oft.

Mama brachte zwei Tassen warme Milch mit Honig nach draußen. Eine für Solomija und eine für Babusja. Sie selbst trank einen Tee, der nach Kamille duftete. Dann setzte sie sich auf den anderen Stuhl, und alle drei schauten in den Himmel.

Zuerst passierte gar nichts. Der Himmel wurde nur ein bisschen dunkler, wie wenn man ganz langsam Farbe in ein Glas Wasser tropfen lässt. Unten auf der Straße fuhr ein Fahrrad vorbei, und seine Klingel machte ein freundliches Pling. Eine Amsel sang noch ein letztes Lied auf dem Dach gegenüber. Dann wurde auch sie still.

„Ich sehe einen!“, rief Solomija plötzlich und zeigte nach oben. Und tatsächlich: Ganz hoch, genau über dem großen Baum, funkelte ein einzelner, heller Stern. „Das ist der Abendstern“, sagte Mama. „Er ist oft als Erster zu sehen. Er schaut nach, ob alles bereit ist für die Nacht.“

Solomija hielt Mursja hoch, damit die Kuschelkatze den Stern auch sehen konnte. „Guck mal, Mursja. Der Abendstern sagt Hallo.“ Mursja schaute mit ihren gestickten grünen Augen nach oben, und Solomija war sich sicher, dass sie sich freute.

Babusja erzählte leise von früher. Als sie ein kleines Mädchen gewesen war, in einem Dorf in der Ukraine, hatte sie mit ihrer eigenen Babusja auf einer Holzbank vor dem Haus gesessen und die Sterne gezählt. „Da gab es Sonnenblumenfelder, so weit man schauen konnte“, sagte sie. „Und am Abend roch es nach Heu und nach frischem Brot.“ Solomija schloss kurz die Augen und versuchte, sich die Sonnenblumen vorzustellen. Gelb und groß, mit Gesichtern, die zur Sonne schauen.

„Habt ihr damals auch Sterne gezählt?“, fragte Solomija. „Jeden Abend“, sagte Babusja. „Wir haben immer bis zehn gezählt. Mehr nicht. Denn meine Babusja hat gesagt: Wenn man bis zehn gezählt hat, dann ist das Herz ganz ruhig, und dann kommt der Schlaf ganz von allein.“

„Dann zählen wir jetzt auch bis zehn“, beschloss Solomija. Mama lächelte. „Das ist eine schöne Idee.“

Inzwischen war der Himmel dunkelblau geworden, wie ein Samtkissen. Und überall kamen nun Sterne hervor, einer nach dem anderen, als würde jemand ganz langsam kleine Lichter anknipsen.

„Eins“, sagte Solomija und zeigte auf den Abendstern. „Zwei“, sagte Mama und zeigte auf einen kleinen, der etwas weiter links blinkte. „Drei“, sagte Babusja, „der da, über dem Kirchturm.“

Solomija zählte weiter. „Vier. Fünf.“ Ihre Stimme wurde schon ein bisschen leiser. Mursja lag jetzt in ihrem Arm, und die Decke war so warm wie eine Umarmung. „Sechs“, flüsterte sie. „Und sieben ist der, der so ein bisschen blau aussieht.“

Ein leichter Wind kam vom Auwald herüber. Er roch nach Gras und nach Blättern und nach der Weißen Elster, dem Fluss, der irgendwo zwischen den Bäumen floss. Die Blätter rauschten leise, schhh, schhh, als würden sie mitzählen.

„Acht“, sagte Mama sanft. „Neun“, sagte Babusja. Solomija blinzelte. Ihre Augenlider fühlten sich schwer an, wie zwei kleine Kissen. Sie suchte den Himmel ab nach dem zehnten Stern. Und da war er: ganz klein, ganz zart, genau über ihrem Balkon, als wäre er nur für sie gekommen.

„Zehn“, flüsterte Solomija. „Das ist mein Stern.“ „Dann passt er heute Nacht auf dich auf“, sagte Babusja und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Mama hob Solomija hoch, mitsamt der Decke und mit Mursja, und trug sie langsam ins Kinderzimmer. Das Nachtlicht in Form eines kleinen Mondes leuchtete schon. Solomija spürte, wie sie in ihr Bett gelegt wurde, wie die Decke über sie gezogen wurde, wie Mama ihr über die Wange strich.

Durch das Fenster konnte sie noch ein Stückchen Himmel sehen. Ihr Stern war noch da. Er blinkte ganz ruhig, an und aus, an und aus, so langsam wie ihr Atem.

Babusja setzte sich auf die Bettkante und sang leise ein ukrainisches Schlaflied, das schon ihre Babusja gesungen hatte. Die Melodie war weich und ging auf und ab wie eine kleine Wiege. Solomija verstand nicht jedes Wort, aber das war nicht schlimm. Sie verstand, dass es ein Lied voller Liebe war.

Mursja lag an ihrem Hals, warm und weich. Draußen schliefen die Bäume des Auwalds, die Amsel auf dem Dach und das Fahrrad unten im Hof. Und über allem leuchteten die Sterne, eins bis zehn und noch viele, viele mehr.

„Dobranitsch, Sonechko“, flüsterte Babusja. Das heißt „Gute Nacht“. „Gute Nacht, Babusja“, murmelte Solomija. Und mit dem Bild ihres kleinen Sterns vor Augen schlief sie ein, ruhig und geborgen, wie ein Blatt, das sanft auf einem stillen Fluss treibt.

Zum Einschlafen fragen wir leise:
  1. Welcher Stern wäre dein Stern, und wie würde er aussehen?
  2. Was erzählt dir deine Oma oder dein Opa gern von früher?
  3. Zählst du mit mir bis zehn, ganz langsam?
Lustig10 Minuten VorlesezeitRuhiges Ende

Karim und der Pfannkuchen, der fliegen wollte

Erstellt für Karim, 6 Jahre, aus Hamburg, mit Papa, Schwester Lina und Lieblingsessen Pfannkuchen

Jeden Sonntag gab es bei Karim zu Hause Pfannkuchen. Das war ein festes Gesetz, so fest wie „Zähne putzen“ und „Schuhe nicht auf das Sofa“. Karim wohnte mit Papa, Mama und seiner großen Schwester Lina in einer Wohnung in Hamburg, ganz oben im vierten Stock. Von der Küche aus konnte man über die Dächer bis zu den Kränen am Hafen sehen, und manchmal hörte man ein Schiff tuten.

An diesem Sonntag stand Papa am Herd und trug seine Schürze mit den Fischen drauf. Er rührte den Teig in der großen gelben Schüssel. „Heute“, verkündete er feierlich, „mache ich den Pfannkuchen-Wurf. Den berühmten Dreifach-Salto.“ Lina verdrehte die Augen. „Papa, das hast du letzte Woche auch gesagt. Da ist der Pfannkuchen an der Lampe kleben geblieben.“

Karim kicherte. Er erinnerte sich genau. Der Pfannkuchen hatte an der Lampe gehangen wie ein gelber Hut, und Papa hatte so getan, als wäre das Absicht gewesen. „Das war eine Lampen-Dekoration“, hatte er gesagt.

Papa goss den Teig in die Pfanne. Es zischte und duftete, und der Pfannkuchen wurde langsam goldbraun an den Rändern. Karim stellte sich auf seinen Tritthocker, damit er besser sehen konnte. „Jetzt!“, rief Papa. Er schwang die Pfanne. Der Pfannkuchen flog hoch in die Luft, drehte sich einmal, zweimal ... und dann passierte etwas, mit dem niemand gerechnet hatte.

Der Pfannkuchen kam nicht wieder herunter.

Er blieb einfach in der Luft hängen, mitten über dem Herd, und wackelte ein bisschen hin und her wie ein Blatt im Wind. Dann sagte er mit einer kleinen, pfannkuchigen Stimme: „Huch! Das ist ja herrlich hier oben!“

Karim fiel fast vom Tritthocker. Lina ließ ihren Löffel fallen. Papa stand da mit der leeren Pfanne und offenem Mund. „Hat der Pfannkuchen gerade gesprochen?“, flüsterte Lina. „Ja“, sagte der Pfannkuchen fröhlich. „Und ich möchte nicht gegessen werden. Ich möchte fliegen lernen! Ich möchte einmal über Hamburg schweben und die Schiffe sehen!“

Karim fand das die beste Idee, die er je gehört hatte. „Du kannst doch schon fliegen“, sagte er. „Du schwebst ja!“ Der Pfannkuchen schaute nach unten. „Oh. Stimmt. Aber nur ganz langsam. Ich bin noch ein Anfänger-Pfannkuchen.“

Und dann begann die lustigste Flugstunde der Welt. Der Pfannkuchen versuchte, eine Kurve zu fliegen, und landete auf Papas Kopf. Er saß da wie eine Mütze, ganz warm und duftend. „Hallo, Papa“, sagte der Pfannkuchen. Papa schielte nach oben. „Das ist das erste Mal, dass mein Frühstück mich begrüßt.“

Karim lachte so sehr, dass er Schluckauf bekam. Hicks! Lina hielt sich den Bauch vor Lachen.

Der Pfannkuchen hob wieder ab und versuchte es noch einmal. Diesmal flatterte er wie ein Schmetterling durch die Küche, einmal um den Kühlschrank herum, und dann landete er sanft in der Obstschale, direkt zwischen zwei Bananen. „Entschuldigung“, sagte er zu den Bananen. Die Bananen sagten nichts, denn Bananen sind sehr schüchtern.

„Du musst die Arme ausbreiten“, riet Karim. „Ich habe keine Arme“, sagte der Pfannkuchen. „Dann musst du dich ganz flach machen“, schlug Lina vor. „Wie ein Papierflieger.“ Der Pfannkuchen machte sich so flach er konnte, was nicht schwer war, denn er war ja ein Pfannkuchen.

Und diesmal klappte es! Er segelte in einem eleganten Bogen durch die Küche, über den Tisch, an der Lampe vorbei, ohne kleben zu bleiben, und landete genau auf Karims Teller. „Ta-daaa!“, rief der Pfannkuchen. Alle klatschten. Hicks, machte Karim. Das war sein Schluckauf-Applaus.

Der Pfannkuchen war sehr stolz. „Jetzt bin ich bereit“, sagte er. „Darf ich einmal aus dem Fenster schauen? Nur gucken. Ich bin ja ein vorsichtiger Pfannkuchen.“ Papa öffnete das Fenster einen Spalt, und der Pfannkuchen schwebte auf das Fensterbrett. In der Ferne glitzerte die Elbe in der Sonne, die Kräne am Hafen nickten mit ihren langen Hälsen, und ein großes rotes Schiff fuhr ganz langsam vorbei. Es tutete einmal laut: Tuuuut!

„Oh“, sagte der Pfannkuchen ganz ergriffen. „Das ist das Schönste, was ich je gesehen habe. Und ich habe bisher nur eine Pfanne gesehen.“ Er schaute lange. Dann seufzte er glücklich. „Wisst ihr was? Ich habe genug gesehen. Jetzt bin ich müde vom vielen Fliegen. Ich glaube, ich möchte mich ein bisschen ausruhen.“

„Wo schlafen denn Pfannkuchen?“, fragte Karim. Der Pfannkuchen überlegte. „Am liebsten in einer warmen Schüssel, mit einem sauberen Geschirrtuch als Decke.“ Also holte Mama, die gerade nach Hause gekommen war und sehr erstaunt schaute, die schönste Schüssel aus dem Schrank. Der Pfannkuchen legte sich hinein, und Karim deckte ihn mit dem karierten Geschirrtuch zu.

„Gute Nacht, Pfannkuchen“, sagte Karim. „Gute Nacht, Karim“, murmelte der Pfannkuchen. „Danke für die Flugstunde.“ Dann schnarchte er ein ganz kleines bisschen. Es klang wie ein leises Brutzeln.

Papa machte dann doch noch neue Pfannkuchen, ganz normale, die nicht sprachen und nicht flogen. Sie schmeckten wunderbar mit Apfelmus und ein bisschen Zimt. Und Papa versuchte keinen Dreifach-Salto mehr. „Ich glaube, die Pfannkuchen in dieser Familie haben genug geflogen“, sagte er.

Am Abend lag Karim in seinem Bett. Draußen war es dunkel geworden, und in der Ferne leuchteten die Lichter am Hafen. Ein Schiff tutete leise, ganz weit weg. Karims Schluckauf war endlich weg, und sein Bauch war voll und zufrieden.

„Lina“, flüsterte er ins Nachbarbett. „Glaubst du, der Pfannkuchen träumt jetzt vom Fliegen?“ Lina gähnte. „Bestimmt. Er träumt, dass er über die Elbe segelt, bis zum Meer.“ Karim lächelte. Er stellte sich vor, wie ein kleiner, goldener Pfannkuchen über das Wasser schwebte, langsam und friedlich, und den Möwen zuwinkte.

Und während er sich das vorstellte, wurden seine Augen ganz schwer. Seine Gedanken schwebten davon, ganz flach und leicht, wie ein Papierflieger, und landeten sanft im Land der Träume.

Zum Einschlafen fragen wir leise:
  1. Wohin würdest du fliegen, wenn du ein fliegender Pfannkuchen wärst?
  2. Worüber hast du heute am meisten gelacht?
  3. Was isst du am liebsten, und warum?
Spannend10 Minuten VorlesezeitRuhiges Ende

Jonas und das Rätsel der verschwundenen Fußbälle

Erstellt für Jonas, 8 Jahre, aus Kassel, Fußball im Verein, mit Freundin Pia und Trainer Uwe

Jonas spielte Fußball beim Sportverein in seinem Kasseler Stadtteil, jeden Dienstag und jeden Donnerstag. Er war Verteidiger, und er war richtig gut darin, sich den Ball zu schnappen, bevor ein Stürmer schießen konnte. Seine beste Freundin Pia spielte in derselben Mannschaft im Tor. Sie hatte Handschuhe, die fast so groß waren wie Pfannen, und sie sagte immer: „Bei mir kommt keiner durch.“

An einem Donnerstag im Oktober kam Trainer Uwe mit einem nachdenklichen Gesicht auf den Platz. „Kinder“, sagte er, „wir haben ein Rätsel. In den letzten zwei Wochen sind fünf Bälle verschwunden. Ich zähle sie nach jedem Training, und trotzdem fehlen jedes Mal welche.“ Die Kinder schauten sich an. Fünf Bälle! Das war eine Menge.

„Vielleicht hat sie jemand ausgeliehen?“, fragte Pia. Trainer Uwe schüttelte den Kopf. „Der Ballsack ist immer zugeschnürt, und der Geräteraum ist abgeschlossen. Die Bälle verschwinden, bevor ich sie einsammle. Irgendwo hier auf dem Platz.“

Jonas spürte ein Kribbeln im Bauch. Ein echtes Rätsel! Er liebte Rätsel fast so sehr wie Fußball. „Pia“, flüsterte er nach dem Training, „wir finden heraus, wo die Bälle sind. Wir sind jetzt Detektive.“ Pia grinste. „Detektiv Jonas und Detektivin Pia. Klingt gut.“

Am nächsten Dienstag kamen die beiden früher zum Training. Jonas hatte einen kleinen Notizblock dabei und einen Bleistift. Pia hatte die Lupe von ihrem Opa mitgebracht. Zuerst untersuchten sie den Platz. Er war groß und grün, an einer Seite standen die Tribünenstufen, an der anderen Seite war ein Zaun, und dahinter begann eine dichte Hecke und ein kleines Wäldchen.

„Wenn ein Ball weit weggeschossen wird“, überlegte Jonas laut, „wohin fliegt er dann?“ Pia zeigte auf die Hecke. „Da hinten. Da landen die Bälle ständig. Aber die holen wir doch immer zurück.“ Jonas schrieb in seinen Block: Spur 1: Hecke hinter dem Tor.

Während des Trainings beobachteten sie genau. Einmal schoss Leon, der beste Stürmer, den Ball weit über das Tor. Er rollte unter dem Zaun hindurch und verschwand in der Hecke. „Ich hol ihn!“, rief Jonas und lief hinterher. Aber als er an die Hecke kam, war der Ball nicht da. Nicht unter den Blättern, nicht hinter dem Zaunpfahl. Einfach weg.

Jonas' Herz klopfte schneller. Das war spannend! Er kniete sich hin und schaute genau. Da entdeckte er etwas: Im weichen Boden unter der Hecke waren Spuren. Kleine, längliche Abdrücke, mit vier Zehen und winzigen Krallen. Und daneben eine schmale Schleifspur, als hätte jemand etwas Rundes gezogen.

„Pia!“, rief er. „Komm mal mit der Lupe!“ Pia rannte herbei, und zusammen betrachteten sie die Spuren. „Das sind keine Menschenfüße“, sagte Pia. „Und keine Hundepfoten. Die sind kleiner.“ Jonas schrieb in seinen Block: Spur 2: Pfotenabdrücke. Schleifspur. Ein Tier?

Nach dem Training erzählten sie Trainer Uwe davon. Er wurde neugierig. „Wisst ihr was“, sagte er, „morgen ist kein Training. Aber wenn eure Eltern einverstanden sind, treffen wir uns kurz vor Sonnenuntergang hier. Ganz leise. Dann schauen wir, wer unser Ballsammler ist.“

Am nächsten Abend standen Jonas, Pia, Trainer Uwe und Jonas' Papa am Rand des Platzes. Sie hatten einen alten Ball mitgebracht und ihn nahe an die Hecke gelegt, wie einen Köder. Dann versteckten sie sich hinter der Tribüne und warteten. Die Sonne ging langsam unter, und der Himmel wurde orange. Alles war still, nur ein paar Vögel zwitscherten noch.

Jonas hielt den Atem an. Eine Minute verging. Zwei Minuten. Dann raschelte es in der Hecke. Etwas bewegte sich. Pia griff nach Jonas' Arm. Und dann schob sich langsam eine spitze Nase aus den Blättern. Eine rote, buschige Rute folgte, und zwei große, neugierige Augen.

Es war ein junger Fuchs.

Der kleine Fuchs schnupperte, schaute sich um und tapste dann zu dem Ball. Er stupste ihn mit der Nase an. Der Ball rollte ein Stück, und der Fuchs sprang fröhlich hinterher, wie ein Welpe. Er stupste ihn wieder, und wieder, und dann schob er ihn, ganz geschickt, zurück unter die Hecke.

„Er spielt Fußball!“, flüsterte Jonas begeistert. Trainer Uwe lachte leise. „Und er ist ein ziemlich guter Dribbler.“

Vorsichtig folgten sie dem Fuchs mit den Augen. Hinter der Hecke, am Rand des Wäldchens, war eine kleine Mulde unter einer großen Baumwurzel. Und dort lagen sie: die fünf verschwundenen Fußbälle, ordentlich nebeneinander, wie in einer Schatzkammer. Der kleine Fuchs legte den Köderball dazu, rollte sich daneben zusammen und schaute zufrieden.

„Er hat eine Ballsammlung!“, sagte Pia und musste kichern. „Er ist der heimliche Zeugwart unseres Vereins.“

Trainer Uwe überlegte. „Wir holen die Bälle morgen bei Tageslicht ganz leise zurück, wenn er unterwegs ist“, sagte er. „Aber einen alten Ball lassen wir ihm. Den hat er sich verdient.“ Jonas fand, das war die beste Lösung von allen.

Auf dem Heimweg lief Jonas neben Papa her und konnte gar nicht aufhören zu grinsen. Das Rätsel war gelöst! Und der Täter war kein Dieb, sondern ein kleiner Fuchs, der einfach nur spielen wollte.

Zu Hause schrieb er in seinen Detektivblock: Fall gelöst. Täter: junger Fuchs. Motiv: Fußball ist toll. Strafe: keine. Belohnung: ein eigener Ball. Dann klappte er den Block zu und legte ihn auf seinen Nachttisch.

Im Bett dachte Jonas noch einmal an den kleinen Fuchs. Jetzt lag er bestimmt in seiner Mulde unter der Baumwurzel, die Nase unter der buschigen Rute, neben seinem Lieblingsball. Draußen rauschte der Wind leise durch die Bäume, und irgendwo in der Ferne fuhr eine Straßenbahn vorbei.

Jonas gähnte. Morgen würde er allen in der Mannschaft erzählen, was sie herausgefunden hatten. Aber jetzt war er müde, wohlig müde, wie nach einem langen Spiel. Er zog die Decke bis zum Kinn, schloss die Augen und träumte von einem kleinen roten Fuchs, der im Mondschein einen Ball über die Wiese dribbelte, glücklich und ganz frei.

Zum Einschlafen fragen wir leise:
  1. Was hättest du gemacht, wenn du den kleinen Fuchs entdeckt hättest?
  2. Wie fühlt es sich an, wenn man gemeinsam ein Rätsel löst?
  3. Was ist das Beste an deinem Hobby?
Abenteuerlich10 Minuten VorlesezeitRuhiges Ende

Ella und die große Expedition zum Ende des Gartens

Erstellt für Ella, 7 Jahre, aus Münster, mit Bruder Theo, Mama und Hund Krümel

Ella hatte einen Rucksack gepackt. Darin waren: eine Taschenlampe, eine Wasserflasche, zwei Butterkekse, ein Kompass aus dem Überraschungsei, ein Notizbuch und ein Fernglas aus zwei Klopapierrollen, mit grünem Klebeband zusammengeklebt. „Theo“, sagte sie zu ihrem kleinen Bruder, „heute machen wir eine Expedition.“

Theo war vier und fand alles gut, was seine große Schwester vorschlug. „Wohin?“, fragte er. Ella machte eine große, geheimnisvolle Pause. „Zum Ende des Gartens“, sagte sie. „Dahin, wo noch nie ein Mensch gewesen ist.“

Das stimmte natürlich nicht ganz. Mama war schon oft am Ende des Gartens gewesen, um die Brombeeren zu pflücken. Aber der Garten hinter ihrem Haus in Münster war lang und schmal und wild, und am Ende standen hohe Sträucher und eine alte Mauer mit Efeu, und dahinter, ganz hinten, gab es eine Ecke, in die die Kinder noch nie gegangen waren. Für Ella war das unbekanntes Land.

Mama sah die beiden mit dem Rucksack in der Tür stehen und lächelte. „Eine Expedition? Dann braucht ihr einen Expeditionshund.“ Sie pfiff, und Krümel kam angelaufen, ein kleiner, struppiger Hund mit braunem Fell und einem Schwanz, der niemals stillstand. „Und ich bin die Funkzentrale“, sagte Mama. „Ich bleibe auf der Terrasse. Bis zur Mauer dürft ihr, dahinter ist nur noch die kleine Ecke mit den Brombeeren, und das Tor zur Straße ist zu. Wenn ihr mich braucht, ruft einfach ganz laut: Basislager!“

„Basislager“, wiederholte Theo ehrfürchtig.

Die Expedition begann an der Terrassentür. Ella schaute auf ihren Kompass. Die Nadel zitterte und zeigte dann ungefähr irgendwohin. „Norden“, verkündete Ella. „Wir müssen nach Norden.“ Krümel lief einfach geradeaus, und das war zufällig auch die richtige Richtung.

Die erste Station war die große Wiese. Für Theo war das Gras fast bis zu den Knien hoch. „Das ist die Savanne“, erklärte Ella. „Hier leben Löwen.“ Theo schaute sich um. „Echte?“ „Nein“, sagte Ella. „Nur Grashüpfer. Aber die sind die Löwen der Grashüpferwelt.“ Theo nickte zufrieden. Ein Grashüpfer sprang direkt vor ihm in die Höhe, und Theo sprang vor Freude mit.

Die zweite Station war der Bach. Das heißt, eigentlich war es die Regenrinne, aus der nach dem Gewitter von gestern noch ein dünnes Rinnsal lief. Aber für eine Expedition war es ein Fluss. „Wir müssen ihn überqueren“, sagte Ella ernst. Sie legte zwei flache Steine hinein, und dann balancierten sie hinüber, einer nach dem anderen. Krümel sprang einfach mitten durch und schüttelte sich auf der anderen Seite, dass die Tropfen flogen. Theo quiekte vor Lachen.

Ella zog ihr Notizbuch heraus und zeichnete eine Karte. Sie malte die Terrasse als Quadrat, die Wiese als grüne Fläche mit kleinen Grashüpfern und den Fluss als blaue Schlangenlinie. „Jede echte Expedition braucht eine Karte“, sagte sie. „Damit andere Forscher später auch den Weg finden.“

Die dritte Station war der Dschungel. Das war der Teil des Gartens, wo die Sträucher so dicht wuchsen, dass man sich bücken musste. Die Zweige bildeten einen grünen Tunnel, und das Licht fiel nur in kleinen Flecken hindurch. Es roch nach Erde und nach Blättern.

„Basislager?“, rief Theo vorsichtshalber. „Hier ist das Basislager“, rief Mama fröhlich von der Terrasse. „Alles in Ordnung bei der Expedition?“ „Alles in Ordnung!“, rief Ella zurück. „Wir sind im Dschungel!“ Es war gut zu wissen, dass Mama ganz in der Nähe war.

Im grünen Tunnel entdeckten sie Dinge, die sie noch nie gesehen hatten: eine Schneckenspur, die im Sonnenlicht glitzerte wie Silber. Ein leeres Vogelnest in einer Astgabel, rund und weich und aus Moos gebaut. Und eine Feder, blau-schwarz gestreift. „Das ist eine Eichelhäherfeder“, sagte Ella, die das aus ihrem Tierbuch wusste. Sie steckte sie in ihren Rucksack. Ein Forscherfund!

Dann wurde der Tunnel heller, und sie standen vor der alten Mauer. Sie war über und über mit Efeu bewachsen, und in der Mitte war eine Lücke, so breit, dass ein Kind hindurchpasste. „Dahinter“, flüsterte Ella, „ist das Ende des Gartens.“

Krümel ging als Erster hindurch. Dann Ella. Dann Theo, der Ellas Hand festhielt. Und dann standen sie in einer kleinen, sonnigen Ecke, die sie noch nie gesehen hatten.

Es war ein wunderschöner Ort. Der Boden war mit weichem Moos bedeckt. Ein alter Apfelbaum stand dort, krumm und knorrig, voller kleiner roter Äpfel. Unter dem Baum lag ein großer, flacher Stein, warm von der Sonne. Und um den Stein herum wuchsen Gänseblümchen, weiß und gelb wie winzige Spiegeleier.

„Wir haben es geschafft“, sagte Ella feierlich. „Wir sind am Ende des Gartens.“ Theo setzte sich auf den warmen Stein. „Ich bin der erste Mensch hier“, sagte er stolz. Ella ließ ihm den Spaß.

Sie packten die Butterkekse aus und teilten sie gerecht: einen für Ella und einen für Theo. Krümel bekam ein Hundeleckerli aus Ellas Jackentasche und machte dafür extra Sitz. Dann pflückten sie einen kleinen Gänseblümchenstrauß für Mama.

Ella zeichnete die letzte Station auf ihre Karte: den Apfelbaum, den Stein und die Gänseblümchen. Daneben schrieb sie in großen Buchstaben: ENDE DES GARTENS. ENTDECKT VON ELLA, THEO UND KRÜMEL. Und das Datum von heute.

Als die Sonne tiefer sank und die Schatten länger wurden, rief Mama von weit her: „Basislager an Expedition! Das Abendessen ist fertig!“ Ella packte ihren Rucksack. „Expedition beendet“, sagte sie. „Wir kehren heim.“

Der Rückweg ging schneller, denn jetzt kannten sie den Weg. Durch die Lücke in der Mauer, durch den grünen Tunnel, über den kleinen Fluss und durch die Savanne mit den Grashüpferlöwen. Mama wartete auf der Terrasse und breitete die Arme aus. „Willkommen zurück, ihr tapferen Forscher!“

Beim Abendessen zeigte Ella ihre Karte, und Mama bewunderte jede Station. Theo erzählte allen, dass er der erste Mensch am Ende des Gartens gewesen war, und dass es dort Spiegelei-Blumen gab und einen Zauberstein.

Später, im Bett, legte Ella die blau-schwarze Feder auf ihren Nachttisch, direkt neben die Karte. Theo schlief schon im Zimmer nebenan, Krümel lag zusammengerollt in seinem Körbchen im Flur und seufzte zufrieden im Schlaf.

Ella schaute aus dem Fenster in den dunklen Garten. Irgendwo da hinten, hinter der Mauer, stand jetzt der alte Apfelbaum im Mondlicht, und der flache Stein gab noch ein bisschen Wärme ab. Sie dachte an all die Abenteuer, die man direkt vor der eigenen Haustür erleben kann, wenn man nur mutig genug ist, einmal um die Ecke zu schauen.

Ihre Augen wurden schwer. „Basislager“, flüsterte sie leise, „Expedition schläft jetzt.“ Und dann schlief sie, glücklich und müde, und träumte von neuen Karten und unbekannten Orten.

Zum Einschlafen fragen wir leise:
  1. Welchen Ort in deiner Nähe würdest du gern einmal erforschen?
  2. Was würdest du in deinen Expeditionsrucksack packen?
  3. Was war heute ein kleines Abenteuer für dich?
Leicht gruselig10 Minuten VorlesezeitRuhiges Ende

Das Flüstern auf Omas Dachboden

Erstellt für Finn, 6 Jahre, zu Besuch bei Oma Rosi im Harz, mit Kuschelhase Hoppel

In den Herbstferien durfte Finn eine ganze Woche bei Oma Rosi im Harz bleiben. Oma Rosi wohnte in einem alten Fachwerkhaus am Rand eines kleinen Dorfes, mit einem schiefen Dach, roten Fensterläden und einem Garten, der an den Wald grenzte. Finn liebte dieses Haus. Es knarzte und knackte überall, als würde es Geschichten erzählen, und es roch nach Holz, nach Äpfeln und nach Omas Pfefferminztee.

Finn schlief im kleinen Gästezimmer direkt unter dem Dach. Das Bett war hoch und weich, mit einer dicken Daunendecke, und an der Wand hing ein Bild von einem Hirsch im Nebel. Sein Kuschelhase Hoppel lag schon auf dem Kissen, mit seinen langen Ohren und dem verwaschenen blauen Halstuch.

Am ersten Abend las Oma Rosi ihm noch eine Geschichte vor, dann gab sie ihm einen Kuss und knipste das Licht aus. Nur das kleine Nachtlicht in Pilzform leuchtete. „Schlaf gut, mein Schatz“, sagte sie. „Wenn was ist, ich bin unten.“

Finn kuschelte sich ein. Draußen rauschten die Tannen im Wind. Und dann hörte er es zum ersten Mal.

Über ihm, irgendwo auf dem Dachboden, flüsterte es. Ganz leise. Tschk, tschk, rschhh. Dann eine kleine Pause. Dann wieder: tschk, tschk, rschhh.

Finn hielt Hoppel fest und lauschte. Es klang ein bisschen wie Flüstern, ein bisschen wie Rascheln, und ein bisschen wie jemand, der ganz leise mit Papier spielt. Ein geheimnisvolles Geräusch, mitten in der Nacht! In seinem Bauch kribbelte es. Nicht schlimm, eher so, wie wenn man ein Geschenk auspackt und noch nicht weiß, was drin ist.

„Hoppel“, flüsterte Finn, „hörst du das auch?“ Hoppel sagte nichts, aber seine Ohren sahen aus, als würde er sehr genau zuhören. Das Geräusch dauerte noch eine Weile, dann wurde es still. Finn gähnte und schlief ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück erzählte Finn Oma Rosi davon. „Auf dem Dachboden flüstert jemand“, sagte er und biss in sein Brötchen mit Pflaumenmus. Oma Rosi hob die Augenbrauen. „Flüstern? Da oben ist doch nur mein alter Kram. Kisten, Weihnachtsschmuck und der Schaukelstuhl von deinem Uropa.“ Sie zwinkerte. „Aber wenn du willst, schauen wir heute Nachmittag nach. Zusammen.“

Den ganzen Vormittag dachte Finn an das Flüstern. Er spielte im Garten, sammelte Kastanien und sah einem Eichhörnchen zu, das am Waldrand Nüsse vergrub. Aber immer wieder schaute er hoch zum kleinen runden Fenster unter dem Dachgiebel. Was mochte dort oben sein?

Am Nachmittag holte Oma Rosi eine große Taschenlampe. Gemeinsam stiegen sie die schmale Holztreppe hinauf, die zum Dachboden führte. Jede Stufe knarzte, als würde sie Hallo sagen. Oma öffnete die kleine Tür, und kühle, staubige Luft kam ihnen entgegen.

Der Dachboden war wie eine Schatzkammer. Durch das runde Fenster fiel ein goldener Lichtstrahl, in dem winzige Staubkörnchen tanzten. Überall standen Kisten mit Aufschriften wie „Weihnachten“ oder „Fotos“, ein alter Koffer mit Lederriemen, eine Nähmaschine mit Fußpedal und der Schaukelstuhl von Uropa, mit einer gehäkelten Decke darüber.

„Hallo?“, rief Finn leise. Nichts. Sie lauschten. Und dann, ganz hinten in der Ecke, hörten sie es: tschk, tschk, rschhh.

Oma Rosi richtete die Taschenlampe in die Ecke. Dort stand eine alte Holzkiste, in der Oma Zeitungspapier für die Weihnachtskugeln aufbewahrte. Die Zeitungen waren zerknüllt und zu einem runden Haufen zusammengeschoben. Und aus diesem Haufen schauten zwei große, glänzende, schwarze Augen hervor.

Finn hielt den Atem an. Dann schob sich ein kleiner, grauer, flauschiger Kopf heraus. Runde Ohren, ein zuckendes Näschen, lange Schnurrhaare. Und dahinter ein buschiger Schwanz, fast so lang wie das ganze Tier.

„Ein Siebenschläfer!“, flüsterte Oma Rosi und lachte leise. „Na so was. Da hat sich jemand ein Winterquartier gebaut.“

Finn kam ganz vorsichtig näher. Der Siebenschläfer blinzelte verschlafen. Und dann sahen sie, dass er nicht allein war. Neben ihm im Zeitungsnest kuschelten sich noch zwei kleinere Siebenschläfer, eingerollt wie flauschige Kugeln. Drei kleine Schläfer, dicht aneinandergekuschelt!

„Das war also das Flüstern“, sagte Finn begeistert. „Die haben mit dem Zeitungspapier ihr Bett gemacht!“ Oma Rosi nickte. „Siebenschläfer bauen sich im Herbst ein gemütliches Nest. Und dann schlafen sie den ganzen Winter lang, oft ungefähr sieben Monate. Daher kommt wohl auch ihr Name.“

„Sieben Monate!“, staunte Finn. „Das ist ja länger als die Sommerferien.“ Er überlegte. „Dürfen sie hierbleiben, Oma?“ Oma Rosi lächelte. „Natürlich. Siebenschläfer stehen unter Naturschutz, und außerdem sind sie liebe Untermieter. Ich nehme meine Weihnachtskugeln eben dieses Jahr in einen anderen Karton.“

Finn hätte ihnen am liebsten ein Kissen gebracht. Aber Oma Rosi schüttelte sanft den Kopf. „Sie haben schon alles, was sie brauchen“, sagte sie. „Das Schönste, was wir ihnen schenken können, ist Ruhe.“ Also flüsterte Finn nur: „Schlaft gut, ihr drei.“ Und er war sehr stolz, dass er so leise sein konnte.

Dann schlichen Oma und Finn ganz leise die Treppe wieder hinunter, damit die drei in Ruhe weiterschlafen konnten.

Am Abend lag Finn wieder in seinem Bett unter dem Dach. Hoppel lag neben ihm, das Nachtlicht leuchtete, und draußen rauschten die Tannen. Und dann hörte er es wieder: tschk, tschk, rschhh.

Aber diesmal lächelte Finn. Jetzt wusste er ja, wer da flüsterte. Da oben, direkt über ihm, machten es sich drei kleine Siebenschläfer in ihrem Zeitungsnest gemütlich. Vielleicht schoben sie noch ein bisschen Papier zurecht, so wie Finn manchmal sein Kissen zurechtklopfte, bevor er einschlief.

„Gute Nacht, ihr Siebenschläfer“, flüsterte Finn zur Decke hinauf. „Schlaft gut. Bis zum Frühling.“ Das Rascheln wurde langsamer und leiser, tschk ... rschhh ... und dann war es ganz still.

Finn kuschelte sich an Hoppel. Er dachte daran, wie die kleinen Siebenschläfer jetzt eingerollt dalagen, warm und sicher, und den ganzen Winter träumen würden. Von Nüssen, von Beeren und vom Frühling. Das Haus knarzte noch einmal leise, als würde es auch gute Nacht sagen.

Und dann schlief Finn ein, genauso warm und geborgen wie seine kleinen Nachbarn auf dem Dachboden.

Zum Einschlafen fragen wir leise:
  1. Wenn du ein Siebenschläfer wärst, wie würdest du dein Nest bauen?
  2. Hast du schon einmal ein Geräusch gehört und dann herausgefunden, was es war?
  3. Was macht dein Bett heute Abend besonders gemütlich?

Und jetzt mit deinem Kind in der Hauptrolle

Die erste Geschichte schenken wir dir. Trag dich ein, und wir melden uns zum Start.