Kapitel 1: Ein Brief im Laternenglas
Erstellt für Mila, 5 Jahre, aus Göttingen, mit Opa Heinz, Freund Ben und Stofffuchs Funkel
Es war ein stiller Abend im November. In Göttingen roch die Luft nach nassem Laub und nach Bratäpfeln aus Opas Küche. Mila stand am Fenster, ihren Stofffuchs Funkel im Arm, und schaute in den Garten hinaus. Morgen war Laternenumzug, und ihre Laterne stand schon fertig auf der Fensterbank: ein runder, orangefarbener Mond mit aufgeklebten Sternen.
„Opa“, sagte Mila, „darf ich meine Laterne heute schon einmal anmachen? Nur ganz kurz?“ Opa Heinz lächelte, holte den kleinen Leuchtstab aus der Schublade und steckte ihn vorsichtig hinein. Sofort leuchtete die Laterne warm und golden, und auf der Tapete tanzten kleine Sternenschatten.
Mila hielt die Laterne hoch und drehte sich einmal im Kreis. Da hörte sie ein leises Rascheln. Es kam nicht von draußen. Es kam aus der Laterne selbst. „Opa, hörst du das?“, flüsterte sie. Opa beugte sich vor. Ganz unten, zwischen Pappe und Transparentpapier, steckte etwas Weißes. Ein winziger, zusammengefalteter Zettel, nicht größer als eine Briefmarke.
Mila zog ihn behutsam heraus und faltete ihn auf. Darauf standen Buchstaben, so klein und krakelig, als hätte jemand mit einer Bleistiftspitze geschrieben, die nur halb so groß war wie Milas Fingernagel. Opa setzte seine Lesebrille auf und las vor: „Liebes Laternenkind. Wir sind die Lichtwichtel vom Igelhügel. Unser großes Lichterfest ist bald, aber unsere Laternen sind müde geworden. Kannst du uns helfen? Folge morgen den goldenen Blättern.“
Mila machte große Augen. „Lichtwichtel? Gibt es die wirklich?“ Opa kratzte sich am Bart. „Weißt du, Mila, in meinem langen Leben habe ich gelernt: Es gibt mehr kleine Wunder, als man denkt. Man muss nur genau hinschauen.“
Mila drückte Funkel an sich. Der Stofffuchs schaute mit seinen Knopfaugen so neugierig, als wollte er sagen: „Da machen wir mit.“ Mila wollte am liebsten sofort ihren Freund Ben anrufen. Ben wohnte nur zwei Häuser weiter und war der beste Blätter-Finder der ganzen Straße. Aber es war schon spät.
„Ben erzählst du es morgen früh“, sagte Opa. „Lichtwichtel schlafen nachts bestimmt auch. Und wer anderen helfen will, braucht ausgeschlafene Füße.“ Mila nickte. Das klang vernünftig.
Sie legte den winzigen Brief in ihre kleine Holzschachtel, in der sie besondere Dinge aufbewahrte: einen glatten Stein vom Bach, eine Muschel vom Urlaub und eine Feder, die einmal einem Eichelhäher gehört hatte. Jetzt lag dort auch eine Nachricht von den Lichtwichteln.
Opa machte die Laterne wieder aus. Im Zimmer wurde es dämmrig und gemütlich. Draußen fiel ein leiser Nieselregen, und die Tropfen klopften sanft an die Scheibe, tipp, tipp, tipp, wie ein langsames Lied.
Mila kuschelte sich in ihr Bett. Die Decke war warm, das Kissen weich, und Funkel lag direkt neben ihrem Gesicht. „Opa“, murmelte sie, „ob die Wichtel auch Kuscheltiere haben?“ „Bestimmt“, sagte Opa leise. „Vielleicht eine winzige Maus aus Wolle. Oder einen Fuchs, so klein wie eine Haselnuss.“
Mila lächelte. Sie dachte an goldene Blätter, an kleine Laternen und an ein Fest auf einem Hügel. Ihre Augen wurden schwer. Opa strich ihr über die Haare und knipste das Nachtlicht an. Und während der Regen draußen leiser wurde, war Mila schon eingeschlafen, mit einem kleinen Lächeln und einer großen Vorfreude auf morgen.
- Wenn du einen Brief an die Lichtwichtel schreiben könntest, was würde darin stehen?
- Was ist in deiner Schatzkiste oder deiner Schublade für besondere Dinge?
- Worauf freust du dich morgen?